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Vorwort
ZEKI ARSLAN
ÜBER DIE BESTIMMUNG DER FARBE
Farbrichtung,
Farbbewegung, Farbsymbolik bilden im Werk von Zeki Arslan einen Kreislauf,
einen Kontext. Diese farbdominierende Stimmung findet sich in seinen
ungegenständlichen Bildern seit 1986 wieder. In einer ersten Annäherung
erreicht den Betrachter dieser Gemälde der Gedanke, daß es sich hier um
informell ähnliche Bilder handeln mag, in denen Strukturen zu finden
sind, in denen Auflösung von Formen das Thema ist. Die Kunstgeschichte
kennt solche Werke seit den 50er Jahren in Europa und den USA, wo die
Kritik den Begriff des abstrakten Expressionismus geschaffen hat. Jedoch
existiert das Informel nur noch in einer historischen Dimension; es ist
keine zeitgenössische Kategorie mehr.
Wenn Zeki Arslan
seit ca. 15 Jahren - formal gesehen - Bilder abstrakt-expressionistischer
Provenienz malt, so muß dies einen anderen Grund haben als die Malerei
der 50er Jahre. Und genau in dieser Fragestellung liegt auch das Konzept
des Malers begründet.
Zeki Arslan
verwendet in seinen Werken - kompositionell gesehen - das Prinzip des
All-over. Dies meint, daß Farbformen bzw. Reste von ihnen sich über das
ganze Bild verteilen, daß dieses Bild keine traditionelle Mitte mehr hat,
von der ausgegangen worden ist. Die Freiheit des Malers besteht nun darin,
daß er oben, unten, an den Seiten, wo auch immer mit seiner konzeptuellen
Farbmalerei anfangen kann, um das Bild von seinem Wesen her fließen zu
lassen. Diese Werke haben keine Rahmung, weder im Inneren noch im Äußeren.
Das Farbgeschehen dringt über die Kanten hinweg und erreicht imaginäre
Orte. Das Bild, sein Energiefeld gehen nach außen weiter. Der physische Körper
wird somit verlassen und dadurch mag der Betrachter ein Gemälde in einem
imäginaren Feld des Möglichen weiterdenken bzw. weiterempfinden.
So kommen wir wie
selbstverständlich zu der Frage nach dem Grund dieser Malerei. Diese Ölgemälde
entstehen in einem relativ langen Prozeß, allein der Trocknungsprozeß
des Öls erlaubt keine Malartistik. Zeki Arslan arbeitet an mehreren Gemälden
gleichzeitig und nimmt sich viel Zeit, um sie zu vervollkommnen. Vielfältige
malerische Prozesse sind von uns wahrzunehmen, wie die Bewegung des
Pinsels, das Ziehen der Farbe mit einem Rakel, das Übermalen schon
geschaffener Farbschichten, letztlich das Zerstören von eindeutigen
Formen. Unterzieht man sich der Mühe, lediglich einen Ausschnitt intensiv
anzuschauen und mit den Augen auf eine Farbreise zu gehen, so wird man
vielerlei malerischer Aktivität nachspüren können.
In der europäischen
Vorstellung von Farbwirkungen, so wie dies Johann-Wolfgang von Goethe
durch seine Untersuchungen uns übermittelt hat, nehmen die drei
Grundfarben Rot, Gelb und Blau eine besondere Richtungsquälitat ein. Rot
ist die am mächtigsten nach vorne dringende Farbe, Gelb die zweitstärkste
und Blau diejenige, die sich stark zurückzieht. Schaut man sich Zeki
Arslans Gemälde unter diesem Aspekt an, so wird man gewahr, daß diese
Farbgerichtetheit bei ihm nicht vorherrscht. Ein Rot kann sich durch seine
malerischen Brechungen hier ebenfalls zurückziehen, während ein Blau mächtig
nach vorne dringen kann. Diese Beobachtung läßt uns weiter nach dem
Grund dieser Malerei fragen.
Diesen Grund finden
wir in dem Erkenntnisinteresse des Malers seiner eigenen Tradition gegenüber.
Ýn der alttürkischen Farbvorstellung steht Blau für Osten, Rot für Süden,
Schwarz für Norden und Weiß für die westliche Himmelsrichtung. Eine
Installation des Malers mit vier bemalten Holzpfählen um ein Oval (1997)
hat diese Himmelsrichtungen als Objekt zur Anschauung gebracht. Die
Farbgerichtetheit in den Gemälden von Zeki Arslan geht in erster Linie
auf seine Orientierung gen Orient und nicht gen Okzident zurück. Dies ist
fundamental, will man den gewichtigen Farbkosmos dieses Malers verstehen.
Daß Zeki Arslans Bilder sich auch auf Phänomene aus der Physik, der
Chaos-Theorie beziehen, ist bereits an anderer Stelle ausgeführt worden.
Es bleibt daher kurz festzustellen: Durch die Art und Weise der Anziehung
der Farben untereinander, durch ihre Brechung voneinander sowie durch die
chaotische Ordnung in der Komposition erreicht Zeki Arslan eine malerische
Dimension, die von internationaler Bedeutung ist.
Tayfun Belgin |